Stadttheater Giessen
    „Die großmütige Tomyris“ zieht mit Crescendo ins Finale

    „Die großmütige Tomyris“ zieht mit Crescendo ins Finale


    Blut war auf der Bühne, Köpfe rollten, politische Intrigen wurden gesponnen und auch die Liebe kam nicht zu kurz. Die knapp dreistündige Barockoper „Die großmütige Tomyris“ von Reinhard Keiser vereint alles, was von einem opulenten Ränkespiel zu erwarten ist. Die Premiere am Stadttheater Gießen am vergangenen Sonntag, die die diesjährige Musiktheaterspielzeit einleitete, wurde daher vom Publikum mit anhaltendem Applaus goutiert.
    Die Bühne ist eng und gleich zu Beginn stark bevölkert, als die Reise in das Reich der barbarischen Skythen führt. Vor einem halbrunden, in bronze gehaltenen Logenaufbau, der bis zur Decke reicht und an eine barocke Theaterruine erinnert, liegt ein chromblitzender Flugzeugflügel, quer und sperrig. Der szenische Aufbau liegt irgendwo zwischen Star Trek und Mad Max (Bühnenbild: Lukas Noll, Kostüme: Bernhard Niechotz), mit einzelnen barocken Versatzstücken, die stets Bindung zum Zeitgeist der 1717 im Hamburger Gänsemarkt-Theater uraufgeführten Oper suchen. Es ist ein apokalyptischer, brutaler Ort – irgendwo zu einer nicht zu benennenden Zeit. Tomyris, gespielt von der wie immer überzeugenden Odilia Vandercruysse, hat mit ihrem Heer die Perser siegreich geschlagen und feiert den Sieg vor ihrem grölenden Barbarenvolk. Sie hat den Perserkönig enthauptet, sein Kopf thront aufgespießt auf einem Pfahl.

    Das Gießener Publikum im voll besetzten Haus wurde hineingeworfen in das große Spiel von Macht und Erotik, das sich entspinnt, als zahlreiche Bewerber darum anhalten, Krone und Schlafgemach mit der neuen Herrscherin zu teilen. Während Doraspe und Policares, die Könige von Damaskus und Lydien, um Tomyris werben, liebt diese den jungen Feldherrn der Messageten, Tigranes. Dieser wiederum ist jedoch Meroë verfallen, der Tochter des getöteten Perserkönigs. Zwischen politischen Zwängen und eigenen Sehnsüchten getrieben, muss Tomyris ihren Weg aus den Fallstricken finden.
    Waren Chor und Solisten im ersten Akt noch nicht zu Höchstform aufgelaufen und auch die Bildarbeit der Inszenierung (erstmals durch Roman Hovenbitzer) recht statisch wirkte, so brllierte vor der Pause vor allem das Orchester unter der Leitung von Michael Schneider. Gleich vom ersten Ton an strahlte der Klangkörper Klarheit und Transparenz aus, wodurch die von Keiser äußerst farbenreich gesetzte Musik, leicht und facettenreich aus dem Orchestergraben tönte. Dem Frankfurter Barockspezialisten Michael Schneider, der schon vor drei Jahren bei Georg Philipp Telemanns Oper „Emma und Eginhard“ die musikalische Leitung übernommen hatte, und damals derart erfolgreich war, dass weit über Gießen hinaus in höchsten Tönen über die Telemann-Oper berichtet wurde, kann zu seiner Umsetzung nur gratuliert werden. Das Publikum stellte dies ebenso fest, denn der Applaus brandete auf, als der Dirigent zum Schluss die Bühne betrat. Selten hat das Orchester im Stadttheater eine derart überzeugende Leistung abgeliefert.
    Nach der Pause, im zweiten und dritten Akt, sollte die Oper, die im 18. Jahrhundert zu den farbenreichsten Werken des deutschen Barocks gehörte und danach weitgehend in Vergessenheit geriet, gehörig an Fahrt aufnehmen. Dauerte es eine gute Stunde bis die intrigante Bühne bereitet, und Chor und Solisten in Schwung gekommen waren, steigerten sich die Protagonisten immer mehr und zeigten teilweise Spitzenleistungen in den virtuosen Arien mit ihren diffizilen Koloraturen. Zum Höhepunkt zählte das Duett von Meroë (Carla Maffiolett) und Tigranes (Christian Zenker). Vor der schwarzen Kerkerwand, Tigranes mit den zusammengebundenen Händen über dem Kopf, dem Tod ins Auge blickend, singen die beiden ein ergreifendes Duett, das für großen Szenenapplaus sorgte.


    Auch das Bühnenbild, das im ersten Akt noch etwas starr und sperrig wirkte, gewann an Dynamik. Eindrucksvoll gestaltete sich die Szene, als das ganze Volk Tomyris bedrängt, Tigranes zu enthaupten. Plötzlich erscheint die Bühne in kaltem Blau und die Szenerie friert ein. Es entsteht der Eindruck eines opulenten Barockgemäldes, das Rembrandt van Rijn oder Peter Paul Rubens nicht besser hätten komponieren können. Nur die Königin Tomyris steht im Scheinwerferlicht, während sie hin und hergerissen zwischen Rache und Gerechtigkeit um eine Entscheidung ringt. Die Arbeit mit einer im Freskostil bemalten Gaze, die das Spiel mit Vorder- und Hinterbühne, Traumwelt und Wirklichkeit suchte, ist ebenso hervorzuheben, schuf sie doch eine interessante Dynamik der Bildebene und hob die Sänger in eine andere Welt.
    All diese großartigen Entwicklungen, die sich in der zweiten Hälfte des Abends entspannten, begeisterten umso mehr, als sie nach einem nur mäßigen ersten Akt kaum zu erhoffen waren. Doch mit dem großen Crescendo, dass „Die großmütige Tomyris“ am Sonntagabend Richtung Finale nahm, war der anhaltende Applaus und die sogar vereinzelten stehenden Ovationen redlich verdient.
    Zur Wiederentdeckung und Aufführung der weitgehend in Vergessenheit geratenen Barockoper von Reinhard Keiser, ist das Stadttheater Gießen nur zu beglückwünschen. Hier wurde ein Kleinod ausgegraben, das in seiner bemerkenswerten Umsetzung wieder einmal über die Grenzen von Gießen hinaus für Aufhorchen sorgen könnte. Gießener Zeitung